Kältefest und heißblütig: Die Sibirische Katze
Verborgene Schönheit
Als dritte im Bunde der Katzen aus dem Walde traf die Sibirsche gewissermaßen mit Verspätung in der Szenerie der westlichen Rassekatzenwelt ein. Abgeschottet durch den Eisernen Vorhang hatte bis Ende der 80er Jahre die stattlichen Halblanghaarigen unberührt von Züchterhand in ihrer unwirtlichen Heimat ein ungebundenes Leben als Hauskatzen zwischen Herdstelle und Wildnis geführt. Wo fernab wohliger Zivilisation Mensch und Tier in langen bitterkalten Wintern ums Überleben kämpfen, sind seit jeher die Fähigkeiten zur Selbstversorgung und Kälteschutz von existentieller Notwendigkeit. In ihrer Heimat wurde die "Siriskaja Koschka" mit dem pachtvollen Pelz deshalb nie als besonders empfunden. Als "normale Hauskatze" posierten dort vor Türen und Fenstern einfachster Behausungen herrliche Tiere von beeindruckender Schönheit.
Westwärts
Es konnte nicht ausbleiben, dass westliche Reisende auf die Katze aufmerksam wurden und von Katzenkennern einzelne Exemplare unter zunächst großen Schwierigkeiten, meist ohne Papiere und erst recht ohne Impfung und Gesundheitsbescheinigung aus dem Osten importiert wurden. Mit Öffung der Grenzen wurde das etwas einfacher. In Russland waren die ersten Katzenclubs gegründet worden. Russische Züchter hatten das Interesse westlicher Fans an Rassekatzen entdeckt und begannen, ihre heimische Naturrasse gezielt zu paaren, auszustellen und erfolgreiche Ausstellungskatzen mit Papieren zu versehen. Ausgewählte Jungtiere wurden auf Reisen in westliche Länder mitgeführt und an Ort und Stelle Katzenfreunden angeboten. Innerhalb weniger Jahre waren sibirische Katzen in der Cat Fancy rund um die Welt bekannt. In Ostdeutschland, damals noch DDR, waren die Langhaarkatzen aus Russland schon vor dem Fall der Mauer angekommen und sogar auf Ausstellungen präsent. Die ersten Sibirer waren allerdings ganz ohne Zuchtpläne nach Ostdeutschland gebracht worden, eher aus persönlicher Zuneigung. Facharbeiter, die als Monteure am Bau der sibirischen Ölpipeline beteiligt waren, hatten während ihres Aufenthaltes die schönen Katzen mit den auffälligen Halblanghaar, die neugierig und wohl auch hungrig um ihre Unterkünfte strichen, gefüttert und allmählich lieb gewonnen. Als sie nach Deutschland zurückkehrten, brachten sie ihre schnurrenden Freundinnen einfach mit. Die auf diese Weise in eine bessere Welt übergesiedelten Katzen dankten es ihren Gönnern mit außerordentlicher Zuneigung, Treue und Solidarität, genauso, wie sie es in ihrer sibirischen Heimat taten.
Feuriges Temperament
Sibirische Katzen werden in ihrem Herkunftsland beschrieben als treu ergeben, kluge, aufmerksame und mutige Tiere, die gar furchtlos wie Wachhunde Haus und Hof verteidigen. Als ich 1989 direkt aus dem damaligen Leningrad überraschend Sibirische Katzen mit original russischen Ahnentafeln geschenkt bekam, konnte ich mich, wie andere Katzenfreunde bald auch, davon überzeugen, dass diese Katzen wirklich russisches Temperament besitzen. Die Skala ihrer Emotionen reicht von wahrhaft steinerweichender Liebe und bedingunslose Anhänglichkeit bis hin zu zornigen Trotz und absolutem Eigensinn, wobei die Stimmung so schnell umschlägt, dass man aufpassen muss. Sibirier sind sehr selbstbewusst und lassen sich nicht gern manipulieren. Sie agieren blitzschnell. Passt ihnen eine Situation nicht, warnen sie einmal - und schlagen dann zu! Wer ihre Krallen kennt, weiß was das heißt. Auch untereinander pflegen Sibirische Katzen eher feurig als gemäßigte Umgangsformen. Akustisch wie motorisch kommt es mitunter zu hitzigen "Ausbrüchen", die in bruchteilen von Sekunden verfliegen und intern kaum als besondere Auseinandersetzungen gelten. Andere Katzen verstehen das oft nicht. Rassen, die mehr von gemütlichen Temperament sind, kann das impulsive Verhalten der "Wilden" aus dem Osten ziemlich lästig sein.
Prachtvolle Erscheinung
Sibirische Katzen sind große, massive Katzen mit kraftvoller Muskulatur und einem durchschnittlichen Gewicht von 8 - 12 Kilo für Kater und 6 - 8 Kilo für Kätzinnen. Kastraten können noch erheblich mächtiger werden. Ihre Bewegungen sind gleichmäßig und gemessen in Ruhe, blitzschnell im Ansprung mit erheblicher Angriffskraft. Der Rücken ist mäig lang und muskulös, die starken Extremitäten hinten kaum merklich länger als vorne. Die runden Pfoten sind groß und kräftig mit starken Krallen und Haarbüscheln zwischen den Zehen. Der Kopf ist groß und rund mit breiter Stirn und voluminöser ründlicher Schnautze, die ein Bart aus langen dicken Schnurrhaaren ziert. Der gut ausgebildete Backenbart geht seitlich über in die Mähne. die großen Ohren tragen Pinsel und Büschel. An Bauch, Schwanz und Höschen verdichtet sich das lange Fell. Wie bei Semilanghaar-Katzen typisch ist das Haar über den Schultern und am unteren Teil der Brust etwas kürzer. Das Deckhaar ist fest, lang und glänzend wie Lack der Öl, das Unterfell lang, reich ausgebildet und glatt. Am beliebtesten sind Sibirische Katzen in Tabbymusterung, wozu weiße Pfötchen wie Schneestiefel besonders hübsch ausmachen.
Mit Maske und blauen Augen
Die Neva Masquarade ist die einzigste Waldkatze mit Siamfaktor. Als besondere Farbvariante der Sibirischen Katze war sie bei uns in den ersten Jahren als Mischling umstritten, einige Vereine versagten ihr zunächst die Anerkennung. Ihre Entstehung wurde in der Nachkriegszeit vermutet, als die russischen Großstädte Sankt Petersburg und Moskau aus dem ganzen Land Katzen herbei holten, um der Mäuse- und Rattenplage Herr zu werden. Beteiligte Siamkatzen wären dabei eben auf Sibirer getroffen und nach zwei Generationen hätte sich deshalb die rezessiv vererbte Siamzeichnung bei Sibirern gezeigt. Russische Katzenexperten sehen das anders. Ihre Recherchen gehen zurück auf einen Bericht von P. S. Pallas. Der berühmte Forschungsreisende zeigt in seinem Buch "Travels through the Southern Provinces of the Russian Empire, 1793 bis 1794" (in Engl. 1812 erschienen) eine Katze, die er selbst in der Nähe des Kaspischen Meeres entdeckt hatte. Einen Namen wusste er nicht für sie, aber sie viel ihm auf. So sehr, dass er sie in seinem Forschungsbericht aufnahm und sogar eine Zeichnung anfertigte. Sie ist uns als Kupferstich überliefert. Er zeigte eine rundlich gebaute Katze mit Siamabzeichnung. Er beschrieb sie als kurzhaarig, jedoch mit "zweilagigem" Fell am Schwanz. Vielleicht war sie halblanghaarig im kürzeren Sommerkleid und zusätzlich abgemagert, weil sie gerade Junge führte. Diese sahen aus wie ihre Mutter. Hinsichtlich ihres ausgezeichneten Geruchssinnes, ihrer Gelenkigkeit und weitere Charakteristika schienen Pallas die drei Maskenkatzen wie normale Hauskatzen. Nicht aber im Verhalten! Zu Anfang seien sie extrem Wild gewesen. Sie hätten sich in Kellern, in Höhlen, sogar unterirdisch versteckt und hätten in keiner Weise das friedfertige Wesen unser zahmen Hauskatzen an den Tag gelegt. Pallas dachte deshalb an eine Hybridisierung mit Wildkatzen, zumal die Mutterkatze immer zur Paarungszeit für eine Weile in den nahen Wäldern verschwand, war sich jedoch nicht recht schlüssig. Ob es sich bei den wilden russischen Maskenkatzen um eine Mischrasse handelt, lies er deshalb bewusst offen. Heute wissen wir, dass die ursprüngliche Verbreitung der domestizierten Katze von Kleinasien ausging und Richtung Norden erfolgte. In sofern ist es nicht verwunderlich, dass vor über 200 Jahren domestizierte Katzen nahe des Kaspischen Meeres lebten, auch solche mit längerem Haar und mit Siamabzeichnung. Nach Ansicht russischer Katzenexperten hatte Pallas damals tatsächlich eine frühe Form der russisch Langhaar / Neva Masquarade entdeckt. Ihre Zugehörigkeit zu den Sibirern zeigen Nevas nicht nur durch typisches sibirisches Temperament, sondern auch an allen äußeren Merkmalen. Körperbau, Felltextur und Typ sind gleich, nur eben nicht die Färbung. Erfreulich ist, dass die blauen Augen Dank ihrer genetischen Kombination mit dem Maskenfaktor keine Veranlagung zur Taubheit mit sich bringen.
Quelle : Waldkatzen von Ortrun Wagner erschienen im Neumann-Neudamm Verlag
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